Grinseköpfe und Arschkriecher

Heute Mittag fand im Döbereiner Hörsaal eine Podiumsdiskussion mit Vertretern der UniBesetzerInnen, Vertretern der Unileitung (Rektor und Prorektor), Stura, FSR-Vertreter und dem Staatssekretär Thomas Deufel statt. Anlass war die weiterhin bestehende Besetzung und die Forderungen der Bildungsstreikenden. Es beteiligten sich etwa 100 bis 150 Menschen an der Diskussion.

Unileitung und Staatssekretär glänzten darin, jegliche Verantwortung für die verpfuschte Lage abzustreiten. So behauptete Rektor Dicke unter anderem, er habe keine Rolle bei der Umsetzung gespielt. Da stellt sich die Frage was er dann in seiner Zeit bei Bertelsmann und in der HRK gemacht hat. Auch wurde ein gesamtgesellschaftlicher Zusammenhang der Bildungsmisere durch Staatssekretär, Unileitung und FSR-Vertreter immer wieder negiert. In Sachen Beschäftigungsverhältnisse und Ökonomisierung von Bildung scheint die Unileitung ebenfalls ein mehr als merkwürdiges Bild zu haben. So wurde die Kritik an prekären Beschäftigungsverhältnissen (aufbauend auf dem jw Artikel) strikt zurückgewiesen, mit der Behauptung, es gäbe angeblich neueste Beschlüsse dazu. Zum Thema Ökonomisierung und der damit einhergehenden Kritik am Unirat behauptete Dicke, Wirtschaftsvertreter hätten an der Uni keinen Einfluss. Sie würden lediglich für die „kaufmännische Umstrukturierung der Verwaltungsbücher sorgen“. Auch in der Einwerbung von Drittmitteln für „Spitzenforschung“ (also nicht etwa Lehre) sieht Dicke kein Problem. Das diese Drittmittel fast ausschließlich aus der Wirtschaft kommen ist für ihn scheinbar irrelevant.
Weiterhin wurde seitens der Unileitung und des Staatssekretärs immer wieder auf die Geldknappheit hingewiesen, die ja jetzt ohne Verwaltungskostenbeitrag noch schlimmer würde. Dabei wurde auf die Uni Bamberg verwiesen, die ja 20 Millionen(!) Euro mehr hätte, weil sie Studiengebühren erhebt. Sollte das etwa der indirekte Aufruf sein Studiengebühren auch in Thüringen einzuführen? Was Besseres fällt der Unileitung und dem Land wohl nicht ein?

Deufel betonte dann noch, wie toll es sei, dass durch den Bolognaprozes immer mehr Abiturienten studieren. Nur leider vergaß er dabei völlig den fehlenden Wohnraum und die überlasteten Unis. Auch das fehlende Lehrpersonal tauchte in seiner Rede nicht auf. Weiterhin schob er den Anstieg der Studentenzahlen auf den Bolognaprozess. Damit konstatierte er der Bundesregierung außerdem indirekt ein Versagen auf voller Linie. Es musste wohl erst die EU kommen, um die verpfuschte Bildungspolitik zu „korrigieren“ (in wessen Sinn steht auf einem anderen Blatt). Auch behauptete er, wer Bachelor und Master studiert hätte sogar ein Semester mehr als ehemalige Magister-Studierende zur Verfügung. Nur vergisst er dabei, dass der Großteil der Bachelorabsolventen wohl nie ein Masterstudium antreten wird, da weder die Kapazitäten noch die Konsekutivität gegeben ist.

Die Forderung nach mehr Demokratie an den Hochschulen wurde mit Verweis auf die bestehenden Gremien und den ominösen „Bolognatag“ abgetan. Das die bestehenden Gremien zu weiten Teil nicht weisungsberechtigt sind und zudem relativ intransparent arbeiten, scheint der Unileitung entweder nicht bekannt zu sein oder sie sieht darin keinen Grund zur Änderung.

Den auf dem Podium vertretenen BesetzernInnen ist an dieser Stelle kein Vorwurf zu machen. Zwar hatte es im Vorfeld der Diskussion eine Spaltung innerhalb der BesetzerInnen gegeben, so dass einige nur ein schriftliches Statement rumreichten und sich nicht an der Diskussion beteiligten. Grund dafür war, dass die Diskussion nicht unter den gestellten Bedingungen stattfand und dass Dicke (richtigerweise) als illegitimer Ansprechpartner agiert.

Zusammenfassend lässt sich die gesamte Veranstaltung als Farce beschreiben. Die Vertreter der Unileitung und Deufel ergingen sich in Selbstbeweihräucherung, während sie kritische Fragen mit Verweis auf die fehlende Zeit abwürgten oder leere Worthülsen in den Raum warfen. Der Vertreter der Fachschaften übte sich fleißig im Arschkriechen und forderte beispielsweise auf dem institutionellen Weg mit der Uni zusammenzuarbeiten. Außerdem sollten Lösungen nach seiner Aussage schnell und „effizient“ gefunden werden. Des weiteren stellte er die Fachschaftsräte indirekt als einzige legitime Vertretung der Studierenden dar, als könnten sich Studierende nicht selbst organisieren, artikulieren und zu Lösungen kommen.
Die Verweise der BesetzerInnen, dass die Forderungen basisdemokratisch und nicht von oben herab umgesetzt werden müssten, wurden damit abgetan, dass Demokratie und Entscheidungsfindung nun mal in (intransparenten) Gremien stattfindet.

Die Podiumsdiskussion hat ein weiteres Mal gezeigt, dass die Unileitung nicht bereit ist, in direkter, basisdemokratischer Weise mit engagierten Studierenden zusammenzuarbeiten. Stattdessen sollen Probleme wie gehabt in Gremien, die letztendlich nur Empfehlungen aussprechen, totzuquatschen.

Für eine basisdemoratische Umstrukturierung aller Bildungseinrichtungen!
Nie wieder Unirat! Nie wieder Rektor!


6 Antworten auf „Grinseköpfe und Arschkriecher“


  1. 1 Matthias 15. Dezember 2009 um 17:54 Uhr

    „Der Vertreter der Fachschaften übte sich fleißig im Arschkriechen und forderte beispielsweise auf dem institutionellen Weg mit der Uni zusammenzuarbeiten.“

    Ist das ernsthaft das Niveau, auf dem sich der Diskurs hin zu einem offensichtlich ja konsensualen Gedanken einer für Studenten besseren Uni abspielen soll. Soll das also letztlich heißen, wenn man nicht grundlegend gegen Institutionen und/oder Rektor etc. ist, ist man ein Arschkriecher?

    „Den auf dem Podium vertretenen BesetzernInnen ist an dieser Stelle kein Vorwurf zu machen.“

    Ein Vorwurf vielleicht nicht – aber durchaus die Frage nach der Zielsetzung. Und ob es konstruktiv ist was gerade passiert.
    Ich habe manchmal ein wenig das Gefühl, dass die eigentliche Zielgruppe für all die Bestrebungen mehr und mehr aus dem Fokus verloren wird. Nämlich alle Studenten…

    Mir ist nicht klar was damit erreicht werden soll sämtliche studentischen Gremien und Interessenvertretungen verbal abzustrafen.

    Die Rundumschläge häufen sich in meinen Augen und ich finde, dass es nicht gerechtfertigt ist das vorhandene Engagement von FSR und StuRa bzw. der Studenten, die dort ihre Zeit und ihre Mühe investieren, mit ein paar Phrasen ins Kontraproduktive zu ziehen.

    Die Frage sollte doch lauten – was können wir als Studenten gemeinsam tun, dass es für uns besser wird? Die Art wie wir die Veränderung schaffen, sollte dabei keine Rolle spielen.

    Ich diesem Sinne ein versöhnliches: Wer Toleranz und Akzeptanz fordert, sollte sie auch immer für den Anderen haben.

  2. 2 Administrator 16. Dezember 2009 um 16:23 Uhr

    „Soll das also letztlich heißen, wenn man nicht grundlegend gegen Institutionen und/oder Rektor etc. ist, ist man ein Arschkriecher?“

    das nicht, aber die Art und Weise, in der der FSR Vertreter dort aufgetreten ist, spricht nicht grade für ihn. Er ist auf der selben Schiene wie die Unileitung gefahren. Von ihm kamen halt auch nur Sachen nach dem Motto: „Die Besetzung ist nicht legitimiert. Arbeitet doch mal effizient ….“
    Das stellt sich mir erstmal die Fragen, wer denn den Rektor legitimiert? Außerdem geht es im Bildungsstreik auch darum, von diesem allgemeinen Effizienzdenken wegzukommen und statt dessen alternative Diskursformen (die eben auch ein bisschen komplizierter und zeitaufwändiger sind als Gremiensitzungen hinter verschlossenen Türen) auszuprobieren.
    Außerdem wurde auf der Podiumsdiskussion auch oft genug gesagt, dass wir keine Demokratisierung von oben haben wollen, sondern von der Basis aus. Auch da ist der FSR Vertreter nicht drauf eingegangen und hat nur auf die bestehenden Gremien verwiesen. Das diese Gremien aber nicht ausreichen und die Studierenden auch scheinbar nicht zufrieden stellen, schien er dabei nicht zu bemerken.

    Also, es geht nicht darum Fachschaftsräte und Stura generell schlecht zu machen, allerdings endet die Arbeit der meisten bei der Organisation von Weihnachtsfeiern. Ein wirklich offensiver Widerstand gegen Entdemokratisierung und neoliberalen Umbau der Hochschule ist kaum zu entdecken

  3. 3 Jasmin 17. Dezember 2009 um 1:46 Uhr

    Ich wollte nur kurz anmerken: Gremiensitzungen sind allen offen zugänglich. Es wird beispielsweise in den Fachschaften nichts wird „hinter verschlossenen Türen“ besprochen.

  4. 4 Cialis 10. März 2010 um 8:11 Uhr

    jSdDUH Excellent article, I will take note. Many thanks for the story!

  1. 1 Jena vom Donnerstag:Stimmen zur gestrigen Podiumsdiskussion mit der Unileitung « #unsereuni Pingback am 12. Dezember 2009 um 5:13 Uhr
  2. 2 Jena vom Donnerstag:Stimmen zur gestrigen Podiumsdiskussion mit der Unileitung Pingback am 12. Dezember 2009 um 9:56 Uhr

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